Zur Zukunft von SMS, WhatsApp & Co (5)

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Zu den beliebtesten Funktionen von Mobiltelefonen gehören das Senden und Empfangen von Kurznachrichten. Wie sieht ihre Zukunft aus? (Teil 5)

Geschätzte Lesezeit für diesen Artikel: 7 Minuten

Seit dem Beginn dieser Serie haben sich die Ereignisse in der digitalen Welt überschlagen. Am 15. Mai 2019 hat US-Präsident Trump mit einem Dekret („executive order“) den nationalen Technologienotstand erklärt. Als direkte Folge davon hat Google die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Handy-Hersteller Huawei beendet, der auch die aktuell sehr beliebten Honor-Geräte produziert. Huawei wird nun wohl eine eigene, von Google unabhängige Android-Version entwickeln. Für die Nutzer bereits gekaufter Huawei-Handys ändert sich zwar erst einmal nichts, aber sie werden für ihre Geräte voraussichtlich deutlich kürzer Updates erhalten, als sie dies beim Kauf erwarteten (erfahre mehr).

Das Beispiel zeigt mit kaum zu überbietender Deutlichkeit, wie sehr sich Nutzer, Firmen und ganze Staaten durch den Einsatz proprietärer Software zum Spielball fremder Mächte machen. Es sollte uns auch in Bezug auf die Abhängigkeit von Microsoft-Produkten ernsthaft zu denken geben (erfahre mehr). Freie, quelloffene Software ist keine Spinnerei von Technik-Nerds, sondern kann auch von Laien genutzt werden – und sie schützt nebenbei vor Spionage und vor Erpressbarkeit (hier eine sehr sehenswerte arte-Doku zum Thema Open Source).

Aus Anlass der jüngsten Entwicklungen wiederholt die Free Software Foundation Europe (FSFE) noch einmal mit Nachdruck die Forderungen, die sie schon lange stellt (hier geht’s zum englischen Original, Übersetzung J. P.):

  • Die FSFE fodert Nutzer mit Nachdruck dazu auf, auf ihren digitalen Geräten freie Betriebssysteme und Anwendungen zu verwenden. […]
  • Regierungen und besonders die Europäische Union sollten größere Ressourcen in freie Software investieren, um sich von großen Unternehmen und fremden Staaten unabhängig zu machen. […]
  • Die FSFE fordert Firmen mit Nachdruck dazu auf, in ihren Produktionsketten so viel freie Software wie möglich zu nutzen. […]

Da Chat-Apps zu den beliebtesten Anwendungen auf Smartphones gehören, sollten auch wir Nutzer uns besser heute als morgen aus der Abhängigkeit von Diensten wie WhatsApp lösen, die nicht frei sind. Die aus meiner Sicht zur Zeit einzige App, die alle relevanten Kriterien für eine Alternative zu WhatsApp erfüllt (vgl. Teil 4), ist Riot.

Riot ist die Referenz-App, mit der man das ebenfalls noch recht neue Matrix-Protokoll zum Chatten (= Instant Messaging, IM), aber auch für andere Funktionen benutzen kann (z. B. Telefonie oder Videotelefonie). Die Einrichtung ist ähnlich einfach wie bei einem E-Mail-Konto:

  1. Zunächst legt man ein kostenloses Nutzerkonto auf einem öffentlichen Matrix-Server an. Der Standardserver ist matrix.org, aber gibt schon jetzt ein ständig wachsendes Angebot an weiteren Servern (eine aktuelle Liste findet man hier). Ich habe Riot mit Konten bei matrix.org, junta.pl und chat.privacytools.io getestet – in allen drei Fällen war die Registrierung in wenigen Augenblicken erledigt, und alle drei Server funktionieren einwandfrei. Sinnvollerweise sollten möglichst viele Nutzer andere Server als matrix.org nutzen, damit keine unbeabsichtigte Zentralisierung eintritt. Genau das soll durch die föderierte Struktur von Matrix ja vermieden werden. Neben den kostenlosen öffentlichen Servern, die auf der oben verlinkten Liste zu finden sind, hat man auch die Möglichkeit, selbst einen Server zu betreiben – das dürfte allerdings nur eine Option für technisch versierte Nutzer sein (erfahre mehr). Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, einen professionell betriebenen Server zu mieten (z. B. hier). Die Kosten dafür hängen u. a. davon ab, wie viele Nutzerkonten man dort einrichten möchte. In der Regel ist aber ein öffentlicher Server für den Anfang völlig ausreichend. – Der Nutzername ist bei der Registrierung frei wählbar, sofern er noch nicht vergeben ist. Er wird später der erste Teil der eindeutigen ID im Matrix-Netzwerk sein. Der zweite Teil ist die Adresse des Servers. Eine Matrix-ID beginnt mit einem @-Zeichen, dann folgt der selbst gewählte Name, dann ein Doppelpunkt, und schließlich der Name des Servers, bei dem die ID registriert ist, also z. B. @name1:matrix.org, @name2:junta.pl oder @name3:privacytools.io. Neben dem Nutzernamen braucht man  bei der Registrierung natürlich noch ein Passwort bzw. eine Passphrase – das ist alles. Handynummer und E-Mailadresse kann man bei der Registrierung angeben, um von anderen Nutzern im Netzwerk gefunden zu werden. Man kann diese Informationen aus Gründen der Datensparsamkeit aber auch weglassen und seine ID allen Kontakten einfach auf anderem Weg mitteilen, z. B. per E-Mail. Wichtig: Wenn man keine E-Mail-Adresse angibt, hat man keine Möglichkeit, das Passwort zurückzusetzen, falls es einmal verloren gehen sollte. Davor kann man sich aber auch mit einem Passwort-Manager schützen (erfahre mehr).
  2. Jetzt installiert man Riot auf allen Geräten, auf denen man die App nutzen will, und loggt sich jeweils mit dem gerade angelegten Namen und dem Passwort ein. Den „Heimserver“, bei dem man sich registriert hat, muss man dabei auf jeden Fall angeben (z. B. https://matrix.org, https://junta.pl etc.), das Feld für den „Identitätsserver“ kann man leer lassen. Standardmäßig ist dort https://vector.im eingetragen, eine Art zentrales Adressbuch für alle IDs. Die Chats werden automatisch auf allen eingeloggten Geräten synchron gehalten. Das gilt auch für verschlüsselte Chats.
  3. Schon kann es losgehen. Um einen Chat zu starten, klickt man in der App auf das Plus-Zeichen, dann auf „Gespräch beginnen“, und dann auf „Mit ID einladen“. Jetzt gibt man die vollständige ID des Kontaktes ein, klickt anschließend auf „einladen“ und wartet, bis die Einladung angenommen wird.

Matrix funktioniert über so genannte „Räume“ – ein zweier-Chat ist einfach ein Raum mit zwei Personen, zu dem aber jederzeit weitere Personen hinzugefügt werden können. Wichtig ist noch, dass die E2E-Verschlüsselung in neuen Räumen standardmäßig deaktiviert ist. Man sollte sie in einem neuen Raum, der für einen privaten Chat vorgesehen ist, sofort aktivieren. Das geht mit einem einfachen Klick auf diese Option, die man in den Einstellungen des jeweiligen Raums findet.

Eine Besonderheit von Riot ist, dass zwischen „verifizierten“ und „nicht verifizierten“ Geräten unterschieden wird. Man muss sowohl alle eigenen Geräte als auch die der am Chat beteiligten Kontakte verifizieren. Dafür gibt es zwei Verfahren: Bei dem einen, das standardmäßig angeboten wird, müssen im Moment der Verifizierung beide Geräte gleichzeitig online sein. Dann wird auf beiden Geräten eine Serie von Begriffen angezeigt, die auch als Bilder zu sehen sind. Indem man bestätigt, dass die Abfolge der Begriffe auf beiden Geräten gleich ist, verifiziert man sie. Beim zweiten Verfahren müssen nicht beide Geräte gleichzeitig online sein – man bestätigt einfach, dass eine angezeigte Geräte-Nummer korrekt ist. Dieses Verfahren ist einfacher und in aller Regel völlig ausreichend. Man findet es unter „Legacy Verifizierung verwenden (für veraltete Clients)“.

Neben privaten Räumen, die man immer verschlüsseln sollte, gibt es in Matrix/Riot auch öffentliche Räume zu verschiedenen Themen. Man kann ihnen beitreten, die öffentliche Konversation verfolgen oder selbst an ihr teilnehmen.

Die App bietet noch viele weitere Einstellmöglichkeiten. Beispielsweise können allen Teilnehmern in einem Raum detaillierte Rechte zugewiesen werden. Das meiste davon ist selbsterklärend und leicht in den Einstellungen zu finden. In der Regel können die Standardeinstellungen beibehalten werden.

Aktuell kann man sich mit Riot nur in einen Account gleichzeitig einloggen. Die parallele Unterstützung mehrerer Accounts (wie sie z. B. bei E-Mail-Programmen selbstverständlich ist) ist eine sinnvolle und meines Wissens derzeit geplante Weiterentwicklung.

Das Matrix-Protokoll stellt den Versuch dar, eine schon lange bekannte Lücke zu schließen, indem es eine freie, quelloffene, föderierte und zuverlässige Infrastruktur für Instant Messaging aufbaut. Die App Riot basiert auf dieser Infrastruktur und sorgt für eine – wie ich finde – schon jetzt hervorragende Nutzererfahrung bei gleichzeitig sehr hohem Datenschutz.

Dass solche Projekte kein Nischendasein fristen müssen, lässt sich gerade in Frankreich beobachten. Dort wird zur Zeit ein auf Matrix und Riot basierendes Chat-System für alle Staatsbediensteten installiert (erfahre mehr) – das sind auf einen Schlag nicht weniger als 5,5 Millionen Nutzer.

Wir alle können dafür sorgen, dass Riot auch hierzulande bald sehr viele Nutzer haben könnte. Dafür müssen wir uns einfach nur ein paar Minuten Zeit nehmen, um Riot zu installieren, und anschließend allen unseren Freunden von Riot erzählen. So können wir den Netzwerkeffekt verstärken, der für Messaging-Apps so entscheidend ist.

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Zur Zukunft von SMS, WhatsApp & Co (5) by Jochen Plikat is licensed under a CC BY-NC-ND 4.0 license
Bildnachweis: Cell Phone by Free-Photos is licensed under the Pixabay License

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