Don’t be evil

„Don’t be evil“ – so lautete einst das Motto von Google. Ein Chrome-Update zeigt, wie wenig sich Google heute um dieses Motto schert.

Geschätzte Lesezeit für diesen Artikel: 4 Minuten

Nur wenige Leser werden von der Nachricht überrascht sein, dass Google unsere Daten sammelt und mit ihnen Geld verdient. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass genau darauf Googles Geschäftsmodell basiert. Seine vielfältigen Dienste sind daher keineswegs kostenlos. Die Kosten werden nur in einer anderen Währung beglichen, als man es aus dem Supermarkt kennt – mit unseren Daten.

Aus diesem Grund sollte man es sich gut überlegen, ob man bestimmte „kostenlose“ Google-Dienste nutzt. Ich selbst etwa habe mich schon lange von Diensten wie Gmail und Google Drive verabschiedet. Welche Alternativen zu ihnen zur Verfügung stehen, habe ich schon mehrfach auf diesem Blog thematisiert (vgl. z. B. hier, hier und hier). Man wusste bei Google aber bisher meistens ziemlich genau, woran man war – wenn man es denn wissen wollte.

Google verfügt inzwischen in vielen Bereichen über eine erdrückende Monopolstellung. Das gilt allen voran für den Suchmaschinen-Markt. Dagegen liegt auf dem Browser-Markt bis heute die Vormachtstellung bei einer anderen Firma, nämlich Microsoft. 2008 war der Vorsprung von Microsofts Internet-Explorer sogar deutlich größer als heute. Angesichts dieser Lage brachte Google damals als Konkurrenzprodukt zum IE den neuen Browser Chrome auf den Markt.

Neben einigen anderen Vorteilen ist der besondere Charme von Chrome, dass es sich um so genannte quelloffene Software handelt („Open Source“). Unabhängige Programmierer können solche Software überprüfen und sich vergewissern, dass sie sicher gegen Hackerangriffe ist, keine Hintertüren eingebaut sind (erfahre mehr) usw.

Chrome erfüllt damit eines der wichtigen Kriterien, die man bei der Entscheidung für oder gegen den Einsatz einer bestimmten Software beachten sollte. Aus diesem Grund war Chrome auch bei datenschutzbewussten Nutzern in all den Jahren sehr beliebt.

Diese warmen Gefühle für Chrome haben allerdings gerade eine empfindliche Abkühlung erfahren. Um die Gründe dafür zu verstehen, muss man sich verdeutlichen, dass Nutzer sich auf unterschiedliche Weisen bei Google einloggen können.

Das eine Login betrifft die Google-Dienste wie Gmail, die man ohne Login schlicht nicht nutzen kann. Man ruft hierfür die Login-Seite auf, gibt den Namen und das Passwort ein, und anschließend eventuell ein zusätzliches zweites Passwort (2FA, erfahre mehr).

Mit dem anderen Login, nenne wir es Chrome-Login, wird der Browser in das Google-Konto des Nutzers eingeloggt. Auf diese Weise lassen sich verschiedene Browser-Daten (die Chronik der aufgerufenen Seiten, Lesezeichen, eingegebene Suchbegriffe etc.) über mehrere Geräte synchronisieren.

Auch das Chrome-Login kann an und für sich eine sinnvolle Idee sein. Man hat so beispielsweise alle Lesezeichen automatisch auf allen synchronisierten Geräten zur Verfügung. Allerdings überträgt man auf diese Weise eine Menge persönlicher Daten an Google-Server – man sollte sich daher genau überlegen, ob man das möchte. Für mich ist die Antwort klar: Wenn es sich um einen Google-Server handelt, möchte ich das nicht, weil diese Daten dann selbstverständlich ausgewertet und zur Verfeinerung meines Nutzerprofils benutzt werden.

Entsprechend klar sollte die Trennung zwischen dem klassischen Google-Login (für Dienste wie Gmail) und dem Chrome-Login (für die Synchronisation von Browserdaten) sein. Genau dies war bisher der Fall. Ein herkömmliches Login in Gmail genügte nicht. Für das Chrome-Login musste man seine Login-Daten noch einmal eingeben. Die Synchronisation konnte daher kaum „versehentlich“ passieren.

Diese klare Grenze hat Google mit dem jüngsten Chrome-Update auf Version 69 nun massiv aufgeweicht.

Nutzer, die sich auf herkömmliche Weise z. B. bei Gmail einloggen, werden nun automatisch auch bei Chrome eingeloggt. Ihre Daten werden zwar (noch) nicht automatisch synchronisiert, aber dieser Vorgang kann nun mit einem einfachen Mausklick auf eine blaue Schaltfläche angestoßen werden. Es ist so gut wie sicher, dass in Zukunft genau das millionenfach „versehentlich“ passieren wird.

Wir haben es hier mit einem schönen Beispiel für jene Art von Produktdesign zu tun, das nicht im Sinne der Nutzer, sondern einzig und allein im Sinne eines Konzerns ist, in diesem Fall von Google. Entsprechend groß ist die Enttäuschung unter Nutzern wie unter IT-Experten. So kommentiert Matthew Green, Professor für Kryptographie an der Johns Hopkins Universität, das jüngste Chrome-Update auf seinem Blog:

Google needs to stop treating customer trust like it’s a renewable resource, because they’re screwing up badly.

Meine Devise lautet schon lange, Google-Produkte zu meiden, wo immer das mit halbwegs vertretbarem Aufwand geht. In kaum einem Bereich ist das so leicht möglich wie bei der Wahl des Browsers. Das Chrome-Update kann daher ein guter Anlass dafür sein, auf eine Alternative wie Mozilla Firefox umzusteigen. Und vielleicht dafür, sich auch in anderen Bereichen zu „de-Google-ifizieren“ (erfahre mehr).

Google hat angesichts zahlreicher Proteste inzwischen angekündigt, dass die zwangsweise Koppelung von Dienste- und Chrome-Login ab der nächsten Version in den Einstellungen wieder deaktiviert werden kann (erfahre mehr). Dennoch: Der Vertrauensverlust bleibt.

Die ärgerlichen Chrome-Updates passen gut zu einem anderen Update, das schon vor einigen Monaten vollzogen wurde, und zwar für das Google-interne Mitarbeiterhandbuch.

Dort ist das einstige Motto „Don’t be evil“ neuerdings verschwunden (erfahre mehr).

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Don’t be evil by Jochen Plikat is licensed under a CC BY-NC-ND 4.0 license
Bildnachweis: Office Keyboar by Free-Photos is licensed under the CC0 Creative Commons license.

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