Was man von der stoischen Philosophie lernen kann (1)

„Stoische Ruhe“ und „stoische Gelassenheit“ sind Eigenschaften, die meist bewundert werden. Was aber sind die Grundlagen des Stoizismus, und was macht ihn auch im digitalen Zeitalter hoch aktuell?

Geschätzte Lesezeit für diesen Artikel: 5 Minuten

Historischer Hintergrund

Der Stoizismus entstand im 3. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland und gelangte in der römischen Kaiserzeit zu voller Blüte. Seine Vertreter lebten somit in einer Epoche, die durch heftige außen- und innenpolitische Auseinandersetzungen geprägt war. Aus diesem Grund mussten sowohl in Griechenland als auch im römischen Reich selbst Angehörige des Hochadels jederzeit damit rechnen, durch äußere Umstände ihre Privilegien einzubüßen, in die Verbannung gezwungen zu werden oder ihr Leben zu verlieren.

Hauptvertreter der jüngeren Stoa

Die bis in die heutige Zeit bekanntesten Vertreter der stoischen Philosophie sind Seneca, Epiktet und Kaiser Mark Aurel, der „Philosophenkaiser“. Sie bilden die so genannte „jüngere Stoa“.

Seneca (1 bis 65 n. Chr.) stammte aus dem heutigen Spanien und gehörte dem römischen Hochadel an. Nach einer zunächst steilen Karriere in Rom zwang ihn eine politische Intrige, 8 Jahre auf Korsika im Exil zu verbringen. Zurück in Rom stieg er zum Lehrer und Berater des späteren Kaisers Nero auf. Er bekleidete höchste politische Ämter, zog sich später aber auf eigenen Wunsch aus dem politischen Leben zurück. Nach einem vereitelten Mordanschlag auf Nero, an dem Seneca vermutlich unbeteiligt war, fiel er jedoch in Ungnade und wurde schließlich zum Selbstmord gezwungen. Von Seneca sind zahlreiche Werke überliefert, unter anderem „Über die Kürze des Lebens“ (De brevitate vitae).

Epiktet (50 bis 138 n. Chr.) stammte aus Kleinasien und gelangte als Sklave nach Rom. Er hatte dort Gelegenheit, sich mit Philosophie zu beschäftigen und auch selbst zu unterrichten. Nach seiner Freilassung gründete er in Griechenland eine Philosophenschule. Seine Gedanken wurden durch seinen Schüler Arrian überliefert.

Eine besondere Faszination geht von Mark Aurel (121 bis 180 n. Chr.) aus. Als Kaiser (ab 161) befand er sich in einer noch weitaus machtvolleren Stellung als Seneca. Daher überrascht es zunächst, dass auch er sich in seinen Reflexionen so intensiv den Tiefschlägen widmete, die das Leben für die Menschen bereithält. Es wird jedoch verständlich, wenn man bedenkt, dass auch Mark Aurel ständigen Gefahren die die Stirn bieten musste. So bedrohten unter anderem die Germanen im Norden und die Parther im Osten die Grenzen des römischen Reiches. Mark Aurel verbrachte aus diesem Grund einen Großteil seiner letzten 10 Lebensjahre in Feldlagern. Wie schon in Rom versuchte er auch dort nicht nur, die Prinzipien des Stoizismus in seinem Leben und in seinem Amt umzusetzen. Er fand zudem weiterhin die Zeit zu schreiben. So entstand das bedeutendste Werk der jüngeren Stoa, die „Selbstbetrachtungen“.

Schwierige Zeiten als Normalfall

So unterschiedlich die Lebenswege der drei Hauptvertreter der jüngeren Stoa waren, so bewusst war ihnen doch die Wechselhaftigkeit des menschlichen Schicksals. Selbst Mark Aurel wusste nur zu gut, dass auch ein Kaiser sterblich war und jederzeit einem Mordkomplott oder einem anderen Schicksalsschlag zum Opfer fallen konnte. Gleichzeitig rechnete er damit, dass selbst ein riesiges Reich wie das römische – es hatte wenige Jahre vor Mark Aurels Gebirt unter Kaiser Trajan die größte Ausdehnung seiner Geschichte erreicht – einstürzen konnte.

Aktive Teilhabe an der Republik

Während Philosophie oder Philosophieren heutzutage oft als Rückzug in den Elfenbeinturm praktiziert wird, war die stoische Philosophie in erster Linie praktische Lebensphilosophie. Folgerichtig war das Ideal der Stoiker gerade nicht der zurückgezogen lebende Philosoph. Vielmehr stand der Bürger-Philosoph im Mittelpunkt, der sich aktiv am öffentlichen Leben beteiligte und auch im Trubel des forum romanum einen kühlen Kopf bewahren konnte. Philosophie verstanden die Stoiker in diesem Sinne vor allem als Geisteshaltung, die es in den vielfältigsten Alltagssituationen anzuwenden und dabei zu verinnerlichen galt.

Kerngedanken

Der Stoizismus beruht auf wenigen einfachen Kerngedanken: Das Leben ist kurz. Wir können äußere Ereignisse nicht kontrollieren, wir können aber unsere Reaktion auf diese Ereignisse kontrollieren. Wir sollten uns vor Eitelkeit hüten, denn Lob und weltlicher Lohn sind so vergänglich wie das Leben selbst. Wir können Stärke, Ruhe und Beständigkeit durch tägliche Übung entwickeln.

In den folgenden Beiträgen dieses Blogs werden diese Kerngedanken anhand ausgewählter Passagen aus Mark Aurels Selbstbetrachtungen vorgestellt. Schon jetzt jedoch zwei Literaturhinweise für alle, die sich gleich in die stoische Gedankenwelt vertiefen möchten:

  • Holiday, Ryan/Hanselman, Stephen (2016): The daily stoic: 366 meditations on wisdom, perseverance, and the art of living. New York: Portfolio/Penguin.
  • Marcus Aurelius/Wittstock, Albert (2012): Selbstbetrachtungen. Hamburg: tredition.

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Was man von der stoischen Philosophie lernen kann (1) by Jochen Plikat is licensed under a CC BY-NC-ND 4.0 license
Bildnachweis: Meer by Dimhou is licensed under the Creative Commons CC0 license

2 Gedanken zu “Was man von der stoischen Philosophie lernen kann (1)

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