Verrate mir Dein süßes Geheimnis

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Manche Passwörter kann man mit einer Brute-Force-Attacke knacken. Statt roher Gewalt hilft oft aber auch Schokolade.

Forscher der Universität Luxemburg gingen kürzlich folgender Frage nach: In welchem Ausmaß erhöht Schokolade die Bereitschaft von Passanten, ihr Passwort zu verraten? Insgesamt wurden 1208 zufällig ausgewählte Probanden befragt. Hier das Ergebnis:

  1. 29,8 Prozent der Befragten verrieten ihr persönliches Passwort einfach so.
  2. 43,5 Prozent der Befragten verrieten ihr Passwort, wenn sie vor der Frage Schokolade erhielten. (Quellen: hier und hier)

Das psychologische Phänomen, das untersucht wurde, heißt „Reziprozität“, also „Gegenseitigkeit“. Dabei handelt es sich um ein universelles Phänomen, das tief in der menschlichen Psyche verankert ist. Es beruht darauf, dass wir in Bezug auf unsere sozialen Kontakte eine Art innere Buchhaltung führen: Wenn uns jemand etwas Gutes tut (z. B. ein Fremder uns ein Stück Schokolade schenkt), rutscht unser Kontostand ins Minus. Wir verspüren den
Drang,
ihn so schnell wir möglich wieder auszugleichen.

Das gut erforschte Phänomen hat viele positive Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben. Es kommt in vielen Sprachen in Form von Sprichwörtern („Wie du mir so ich dir“, „tit for tat“, etc.) zum Ausdruck.

Allerdings hat es auch eine Kehrseite, denn es kann leicht zur Beeinflussung von Menschen eingesetzt werden. Genau das geschieht systematisch, z. B. im Marketing. Auch bei Spendensammlungen – einer Spielart des Marketing – ist es sehr beliebt. Ein berühmter Fall ist die Sammeltätigkeit der Hare-Krishna-Sekte. Als die Anhänger zu Beginn ihrer Aktivitäten einfach
nur nach Geld fragten, hatten sie kaum Erfolg.
Später gingen sie aber dazu über, den Passanten eine Blume zu schenken, bevor sie um eine Spende baten. Ergebnis: Die Spendenbereitschaft schnellte in die Höhe.

Der im Englischen verbreitete Spruch „There is no free lunch“ – „Es gibt kein Gratis-Mittagessen“ oder frei übersetzt „Nichts ist umsonst“– spielt auf die Reziprozität an: Wenn wir angeblich etwas geschenkt bekommen, sollten wir sehr auf der Hut sein, ob nicht dafür im Gegenzug etwas von uns erwartet wird, wenn auch „nur“ auf subtile Art und Weise. Die Mitglieder der Ärztevereinigung „Mezis“ („Mein Essen zahl‘ ich selbst“) etwa wissen genau, wie Reziprozität funktioniert, und lehnen Geschenke und Gefälligkeiten der Pharmaindustrie daher konsequent ab (erfahre mehr). In dem unterhaltsamen und sehr interessanten Buch Influence: the psychology of persuasion des amerikanischen Psychologen Robert B. Cialdini (siehe Literaturhinweise) kann man mehr darüber erfahren, wie leicht wir beeinflusst werden können – unter anderem durch subtiles Spiel auf der Klaviatur der Reziprozität.

Zurück zur Schokoladen-Studie. Was lernen wir aus ihr?

  1. Liebe Spione und Hacker, vergesst Keylogger, Trojaner und Phishing-Mails: Stellt Euch einfach als Forscher verkleidet in die Fußgängerzone und fragt die Leute nach ihren Passwörtern. Falls ihr etwas Schokolade zur Hand habt, hilft das, aber auch ohne Schokolade kommt ihr sehr weit.
  2. Das Bewusstsein für Computersicherheit ist bei 30–40 Prozent der Bevölkerung katastrophal.
  3. Schokolade wird allgemein unterschätzt.
  4. There is no free chocolate!

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Verrate mir Dein süßes Geheimnis by Jochen Plikat is licensed under CC
BY-NC-ND 4.0
.

Bildnachweis: No title by thechocolatewebsite is licensed under CC0 Public Domain.

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