Die „Schau-allem-ins-Gesicht“-Technik

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Warum das Vermeiden von Schwierigkeiten nicht funktioniert. Von Leo Babauta (Übersetzung: Jochen Plikat).

Wir alle sind Meister im Vermeiden.

Unser Gehirn ist weniger eine „Denkmaschine“ als eine „Vermeidungsmaschine“. Und das Unglaubliche daran ist, dass wir es normalerweise nicht einmal merken, wenn wir es vermeiden, an etwas zu denken.

Ein paar Beispiele:

  • Genau jetzt liest Du diesen Artikel und vermeidest so etwas Schwieriges, an das Du nicht denken möchtest.
  • Wir schauen ständig nach neuen Mitteilungen, Nachrichten, feeds, Benachrichtigungen… um Dinge zu vermeiden, denen wir uns nicht
    stellen wollen.
  • Wenn wir im Leben auf Schwierigkeiten stoßen, versuchen wir uns zu erzählen, dass das so schon OK ist, weil… (bitte Lücke füllen). Oder wir stürzen uns in Geschäftigkeit oder betäuben uns (z. B. mit Alkohol), um uns nicht mit den Schwierigkeiten auseinandersetzen zu müssen.
  • Wenn ein Problem entsteht, ist unsere Reaktion, dass wir etwas anderes tun wollen – wir schieben auf.
  • Wir verschieben es, Rechnungen zu bezahlen, uns um die Steuererklärung zu kümmern, lange E-Mails zu bearbeiten, Gerümpel aufzuräumen, denn wir wollen uns nicht mit diesen Schwierigkeiten auseinandersetzen.
  • Wir verschieben es, Sport zu treiben, denn Sport ist unbequem.

Es gibt tausende weitere Beispiele, jeden Tag, Dinge, die beachtet werden sollten, die wir aber nicht einmal bemerken, weil sich unser Geist lieber mit etwas anderem beschäftigt.

Probier es aus, gleich jetzt: Mach eine Minute Pause und denk darüber nach, an welche Schwierigkeit Du genau jetzt nicht zu denken versuchst.

Entweder wirst Du eine Schwierigkeit bemerken, die Dir nicht gefällt, oder Dein Geist wird sich schnell einer anderen Sache zuwenden, noch bevor die Minute vorbei ist.

Was Du gerade getan hast ist Teil einer Technik, die ich die „Schau-allem-ins-Gesicht“-Technik nenne. Ich werde sie gleich näher erklären, nachdem wir darüber gesprochen haben, warum es eine ineffiziente Strategie ist, alles zu vermeiden.

Vermeidung funktioniert nicht

Unser Geist möchte weglaufen, egal welcher Unbequemlichkeit, welchem
Schmerz, welcher Schwierigkeit wir gegenüberstehen… Und das ist eine gute Strategie, um kurzfristig nicht mit Schwierigkeiten oder Schmerzen umgehen zu müssen. Sie kann uns eine zeitweise Erleichterung für die Gegenwart verschaffen.

Diese Strategie führt aber zu einem Leben, das aus Weglaufen besteht. Ein zerstreutes Leben, in dem wir nie in Angriff nehmen, was uns wirklich plagt. Wir stürzen uns in Geschäftigkeit, lernen aber nie mit den Dingen umzugehen, die in uns und direkt vor uns sind.

Das bedeutet, dass wir unseren Ängsten, unserem Unbehagen ausgeliefert sind. Wir sind dann wie kleine Kinder, die sich nicht anstrengen wollen, die aber gleichzeitig das neueste glitzernde Spielzeug haben wollen.

Dies führt dazu, dass wir nicht an unseren wichtigen Aufgaben arbeiten (oder dass wir sie aufschieben, bis es wirklich weh tut). Das gleiche gilt für regelmäßigen Sport, gesunde Ernährung, Finanzen, Gerümpel, Beziehungen, etc.

Am Ende müssen wir uns fast immer doch mit diesen Dingen beschäftigen, aber sie sind schlimmer geworden. Es wäre besser gewesen, sich ihnen frühzeitig zu stellen, als sie noch keine große Sache waren.

Die„Schau-allem-ins-Gesicht“-Technik

Diese Technik basiert auf der Idee, dass es besser ist, sich Dinge bewusst zu machen und sich ihnen wie ein erwachsener Mensch zu stellen, anstatt vor ihnen davonzulaufen.

Und wenn wir das tun, ist nichts davon so eine große Sache.

So geht‘s:

  1. Schaffe Bewusstheit, indem Du Dich fragst: „Was tue ich jetzt gerade?“ Stelle an Deinem Computer oder Smartphone Erinnerungen ein oder verteile kleine Notizen in Deiner Umgebung: „Was tue ich jetzt gerade?“ Die Antwort lautet vielleicht „Ich checke gerade Facebook“ oder „Ich öffne gerade ein neues Browserfenster“ oder „Ich esse gerade Chips“. Einfache, alltägliche Dinge – frag Dich einfach immer wieder, was Du gerade tust, und sorge so für mehr Bewusstheit.
  2. Frage Dich anschließend: „Was vermeide ich gerade?“ Wenn es schwierig oder unbequem wird, springen wir automatisch zu etwas Anderem. Wir laufen davon. Wir vermeiden Dinge, wie verrückt. Du tust es den ganzen Tag lang, ohne es zu merken. Frag Dich, was Du gerade vermeidest: Ist es die Angst vor etwas, eine schwierige Aufgabe, eine schwierige Emotion, ein Unbehagen, oder einfach nur in der Gegenwart präsent zu bleiben? Benenne, was Du vermeidest.
  3. Schaue jetzt der Sache ins Gesicht. Bleib mit dieser Angst, diesem Unbehagen, dieser Schwierigkeit im gegenwärtigen Moment. Nicht mit der Geschichte, die Du Dir in Deinem Kopf über diese Dinge erzählst, sondern mit dem Gefühl selbst in Deinem Körper. Wie schlimm ist es? Du wirst merken, dass es keine große Sache ist. Bleib noch ein bisschen länger bei dem Gefühl. Und noch ein bisschen länger – stell Dich der Herausforderung.
  4. Handle angemessen. Jetzt, da Du der Schwierigkeit ins Gesicht geschaut hast und gesehen hast, dass es keine große Sache ist, sich ihr zu stellen, kannst Du Dich wie ein erwachsener Mensch verhalten, nicht mehr wie ein kleines Kind: Du kannst entscheiden, welche Handlung genau jetzt am besten ist. Wenn Du Angst davor hast, eine bestimmte Aufgabe zu erledigen, Du ihr aber ins Gesicht geschaut und festgestellt hast, dass diese Angst keine große Sache ist… dann kannst Du Dir in Erinnerung rufen, dass Du und andere einen Nutzen davon haben werden, wenn Du die Aufgabe erledigst, und dass das viel wichtiger ist als Deine kleine Angst. Wenn Du ein schwieriges Gespräch mit jemandem vermeidest, weil Du wütend bist, dann kannst Du feststellen, dass Wut und Beleidigtsein keine große Sache sind, und Du kannst ruhig und angemessen mit dieser Person sprechen, mit Empathie und Mitgefühl, und nach einer Lösung suchen.

Natürlich werden sich auch mit dieser Methode nicht alle Probleme einfach in Luft auflösen, aber ich kann Dir schon jetzt sagen, dass Du in der Lage sein wirst, vielen Dingen ins Gesicht zu schauen, wenn Du diese Methode übst. Du wirst besser darin werden, mit Unbehagen umzugehen, anstatt wie die meisten Leute vor diesem Gefühl wegzulaufen. Du wirst besser darin werden, Aufschieberei zu vermeiden und unangenehme Aufgaben zu erledigen. Du wirst präsenter sein und eher bereit, im Moment zu verweilen, anstatt ständig nach Ablenkungen zu suchen. Nicht von heute auf morgen, aber mit Übung.

Vielleicht spürst jetzt das Bedürfnis, diesen Artikel zur Seite zu schieben, um das Üben dieser Technik zu vermeiden. Das ist auch eine Vermeidungsstrategie. Ich empfehle Dir, ihr genau jetzt ins Gesicht zu schauen.

Die englische Originalversion dieses Beitrags erschien am 16. Mai 2016 auf
zenhabits.net

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Die „Schau-allem-ins-Gesicht“-Technik by Jochen Plikat is licensed under CC BY-NC-ND 4.0.

Bildnachweis: Jumping Spider by ROverhate is licensed under CC0 Public Domain.

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