Menschen, Ideen, Katzen

Was kann man von der Boeing 707 über die Zukunft des Internet lernen? Ein polnisch-amerikanischer Programmierer und Blogger formuliert dazu ein paar Überlegungen, die nicht nur klug, sondern auch ausgesprochen witzig zu lesen sind.

Alle Wissensarbeiter, die vor dem Fall der Berliner Mauer geboren wurden, haben vermutlich wie ich schon mindestens 4-5 verschiedene Rechner besessen, eher mehr. Ich nehme an es ging ihnen wie mir: Jedes neue Gerät war deutlich besser (schneller, leiser, leichter, zuverlässiger, mit größerem Speicher) als sein Vorgänger. Bei jedem neuen Gerät wusste man aber auch, dass man es mittelfristig gerne noch besser hätte – und mit ziemlicher Sicherheit auch bekommen würde. Und tatsächlich konnte man meistens nur wenige Wochen nach dem Kauf einen Technologieschub beobachten, so dass das eigene frisch gekaufte Gerät sehr schnell vergleichsweise alt aussah (langsam, laut, schwer, unzuverlässig, mit zu kleinem Speicher). Immer wieder eine frustrierende Erfahrung.

Kurz, es war die Zeit des exponentiellen Wachstums.

Spätestens seit der letzten Anschaffung eines Rechners habe ich aber das starke Gefühl, dass die Wachstumskurve deutlich flacher geworden ist. Zugegeben, mein nächstes MacBook Air wird zweifellos noch ein wenig besser sein – aber wohl nicht mehr viel besser. Leiser kann es auf keinen Fall mehr werden, weil auch das aktuelle Gerät im Normalbetrieb schon absolut lautlos arbeitet. Zumindest in diesem Bereich ist also sogar schon jetzt eine physikalische Grenze erreicht.

Vielleicht nähern wir uns einem Stadium, in dem die meisten Geräte ganz einfach gut genug sind?

Der polnisch-amerikanische Programmierer und Blogger Maciej Cegłowski vergleicht dieses Phänomen in einem sehr lesenswerten – und sehr schön bebilderten – Beitrag (hier findest Du den Text im englischen Original) mit der Geschichte der erstmals 1958 gebauten Boeing 707. Als sie ihren Jungfernflug absolvierte, arbeiteten die Ingenieure schon sehr konkret am nächsten großen Ding: dem Überschall-Passagierflugzeug. Bekanntlich wurde es irgendwann auch gebaut, allerdings ohne sich auf dem Massenmarkt durchzusetzen. Mit der Concorde-Katastrophe von 2000 fand Reisen im Überschall-Bereich dann ein trauriges Ende.

Durchgesetzt haben sich dagegen die grundlegenden Eigenschaften der Boeing 707 – so gründlich, dass sich in Sachen Bauart, Größe und Reisegeschwindigkeit in den letzten 50 Jahren in der Luftfahrt nichts Wesentliches mehr geändert hat.

Vielleicht war die Boeing 707 schon gut genug?

Vielleicht ist auch das Internet schon gut genug?

Was heißt das nun für die Zukunft? Cegłowski sieht hier drei mögliche Entwicklungsrichtungen:

  • Vision 1: Menschen, Ideen, Katzen. Das Internet bleibt im Prinzip so, wie es ist und wie es die meisten von uns lieben. Frei, kreativ, manchmal chaotisch, aber ein wunderbares Werkzeug, mit dem sich Menschen und Ideen zusammenbringen lassen. Vor allem durch die Zusammenarbeit von Freiwilligen entstehen in diesem Netz Dinge, die vor 20-30 Jahren niemand für möglich gehalten hätte: die größte Enzyklopädie der Welt, ein freies Betriebssystem, usw. Und natürlich die größte Sammlung an Katzenfotos seit die Welt sich dreht.
  • Vision 2: Alle Probleme der Welt werden von Software gelöst. In dieser Vision ist die analoge Welt skandalös ineffizient. Daher muss sie möglichst vollständig mit vernetzten Sensoren durchdrungen, digitalisiert und anschließend mit Hilfe von Software optimiert werden.
  • Vision 3: Intelligente Maschinen werden in wenigen Jahren die Weltherrschaft an sich reißen. In dieser Vision stehen vernetzte Maschinen kurz davor, ein Bewusstsein zu entwickeln und sich anschließend in rasantem Tempo selbst zu optimieren. Wir Menschen fangen am besten schon einmal an, im Keller Konserven einzulagern, denn es könnte bald losgehen.

Mir persönlich bereitet Vision 3 im Moment die geringsten Sorgen.

Vision 2 dagegen, die vollständige Digitalisierung des Alltags, wird in vielen Bereichen entschlossen umgesetzt. Der mögliche Mehrwert der Digitalisierung wird dabei meist systematisch überschätzt, die möglichen sozialen Folgekosten dagegen unterschätzt. Ein paar Beispiele:

  • Estland arbeitet seit einigen Jahren an der vollständigen Digitalisierung des Schulalltags. Die meisten Schulen haben die Umstellung bereits vollzogen. Hausaufgaben, Fehlzeiten, Noten, etc. sind für Schüler, Lehrer und Eltern jederzeit im Internet abrufbar (erfahre mehr).
  • Moderne Mautsysteme ermöglichen die automatische Abbuchung von Straßengebühren, aber auch die lückenlose Überwachung des Verkehrs (erfahre mehr).
  • Smartphones und so genannte wearables (z. B. Armbänder) können detaillierte Daten über Schlafgewohnheiten, Bewegung etc. erheben. Erste Krankenkassen bieten Mitgliedern, die auf diese Weise regelmäßiges Fitness-Training belegen können, Beitragsermäßigungen an  (erfahre mehr).
  • Unterhaltungselektronik wie z. B. amazon echo kann auf Zuruf gesteuert werden. Hierfür ist allerdings eine kontinuierliche Registrierung der Umgebungsgeräusche notwendig. Im Wohnzimmer befindet sich somit ein ständig eingeschaltetes Mikrophon (erfahre mehr).
  • Verschiedene Hersteller haben Waschmaschinen entwickelt, die bei Bedarf über den heimischen Router mitteilen, dass Waschmittel oder Weichspüler nachgekauft werden muss (erfahre mehr).

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Schon heute können wir aber sehr klar sehen, dass die sozialen Folgekosten in einigen Bereichen sehr hoch sind und noch erheblich steigen werden, wenn wir Vision 2 ungebremst vorantreiben.

Angesichts dieser Entwicklung können wir resignieren und alles einfach geschehen lassen. 

Wir könnten in Zukunft aber auch darauf verzichten, uns eine Smart-Watch oder eine internetfähige Waschmaschine zu kaufen. Wir könnten die flächendeckende Überwachung, eine Nebenwirkung von Vision 2, unterlaufen, indem wir endlich damit anfangen, unsere E-Mails zu verschlüsseln (erfahre mehr), sichere Chat-Programme zu verwenden (erfahre mehr) und unsere Daten zu verschlüsseln, bevor wir sie in einen Cloud-Speicher laden (erfahre mehr). Wir könnten uns weigern, den elektronischen Personalausweis zu aktivieren (erfahre mehr). Kurz, wir könnten uns in vielen Bereichen darum kümmern, dass Vision 2 nur dort verwirklicht wird, wo wir individuell und als Gesellschaft nach einer angemessenen Debatte zu dem Ergebnis kommen, dass Kosten und Nutzen in einem angemessenen Verhältnis stehen. Alles, was dieser Prüfung nicht standhält, sollten wir genau wie Überschall-Passagierflugzeuge zu einem Nebenarm der Technikgeschichte werden lassen.

Auch wenn ich nicht allzu optimistisch bin: Ich finde die Geschichte der Boeing 707 macht in diesem Zusammenhang zumindest ein wenig Hoffnung. Vielleicht bleibt ja auch das Internet der kommenden Jahrzehnte am Ende doch bei seinem Kerngeschäft: dem Verbinden von Menschen und Ideen.

Und Katzen.

Nachtrag: Ich war bisher stolz darauf, noch nie auf eines der Katzenfotos oder Katzenvideos geklickt zu haben, die in den sozialen Netzwerken geteilt werden. Trotzdem muss ich zugeben, dass die Recherche nach einem passenden Foto für diesen Beitrag ein wenig Spaß gemacht hat.

Bildnachweis: Amelia on a MacBook Pro by brownpau on flickr.com (creative commons-Lizenz, bestimmte Rechte vorbehalten: CC BY 2.0)

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Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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