Tage der Trauer

© Sylvain Collet

 

Satiriker arbeiten seit jeher mit dem Stilmittel der Übertreibung. Sie werden von Extremisten jeder Couleur so unerbittlich gehasst, weil nichts deren Machtansprüche wirksamer entlarvt als ein befreiendes Lachen. Ein Blick in Voltaires Traktat über die Toleranz verdeutlicht die Aufgeblasenheit all jener, die sich im Namen einer imaginierten Gottheit anderen Menschen überlegen fühlen.

Dieser kleine Erdball, der nicht mehr als ein Punkt ist, dreht sich im Raume so gut als andre Weltkugeln. Wir verlieren uns in dieser Unermeßlichkeit. Der etwa fünf Schuh hohe Mensch ist gewiß eine Kleinigkeit in der Schöpfung. Eins dieser kleinen unmerklichen Wesen redete einmal einige seiner Nachbarn […] folgendergestalt an: ‚Hört mir zu, denn der Schöpfer aller dieser Welten hat mich erleuchtet. Es gibt neunhundert Millionen kleiner Ameisen wie wir auf der Erde; aber Gott liebt nur meinen Ameisenhaufen; alle andern sind ihm von Ewigkeit her ein Greuel. Mein Ameisenhaufen allein wird glücklich und alle übrigen werden ewig unglücklich sein.‘

Ce petit globe, qui n’est qu’un point, roule dans l’espace, ainsi que tant d’autres globes; nous sommes perdus dans cette immensité. L’homme, haut d’environ cinq pieds, est assurément peu de chose dans la création. Un de ces êtres imperceptibles dit à quelques-uns de ses voisins […]: „Ecoutez-moi, car le Dieu de tous ces mondes m’a éclairé: il y a neuf cents millions de petites fourmis comme nous sur la terre, mais il n’y a que ma fourmilière qui soit chère à Dieu; toutes les autres lui sont en horreur de toute éternité; elle sera seule heureuse, et toutes les autres seront éternellement infortunées.

Voltaire, Traité sur la tolérance, Kap. XXII

Ich verneige mich mit mit den Worten Voltaires vor den mutigen Verteidigern der Werte der Aufklärung, die am 7. Januar 2015 in Paris in und vor den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo von religiösen Fanatikern ermordet wurden:

Jean Cabut

Stéphane Charbonnier

Philippe Honoré

Bernard Verlhac

Georges Wolinski

Bernard Maris

Elsa Cayat

Mustapha Ourrad

Michel Renaud

Frédéric Boisseau

Franck Brinsolaro

Ahmed Merabet

 

Sie sind für uns alle gestorben, die wir Tag für Tag das Privileg eines Lebens in Freiheit genießen können. Keinen Fußbreit den Extremisten!

Bildnachweis: Sadness and despair by sylvain.collet on flickr.com (creative commons-Lizenz, bestimmte Rechte vorbehalten: CC BY 2.0)

Textnachweis: Frz.: Voltaire (1989 ): Traité sur la tolérance. Paris: Flammarion, S. 137. / Dt.: Höffe, Otfried (2007): Lesebuch zur Ethik: philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart. München: Beck, S. 217-218.

 

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Ein Gedanke zu “Tage der Trauer

  1. Ich sehe zweierlei:

    1. Wie Satiriker argumentieren, das muss mir als Person nicht gefallen aber als logisch denkender Mensch sollte ich unterscheiden können zwischen dem Angriff auf eine Person – das könnte eine Frage der Menschenwürde sein – und dem satirischen Angriff auf eine Institution. Für die Freiheit, in dieser Hinsicht zu unterscheiden, sollten wir mit ganzem Herzen kämpfen!

    2. Es ist jetzt viel von Instrumentalisierung die Rede. Wir können stolz darauf sein, in einer Gesellschaft zu leben, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit als hohes Gut ansieht und gegen Angriffe verteidigt. Dass wir also ermöglichen, dass unter dem Vorbehalt der „Volksverhetzung“ jeder in Deutschland seine Meinung öffentlich kundtun darf, ist ein ganz ähnlich gelagertes Gut, für dass sich zu kämpfen lohnt.

    Für beides haben die Satiriker von Charlie Hebdo sich eingesetzt und sind ein hohes Risiko eingegangen. Das kann man nur uneingeschränkt bewundern! Hoffentlich zeigen wir in Zukunft gegenüber politischem Extermismus egal welcher Couleur genauso viel Mut!

    Gruß, Martin

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