Strickst Du noch oder puzzlest Du schon?

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Klassische Textverarbeitungsprogramme sind darauf ausgerichtet, dass Texte Zeile um Zeile „gestrickt“ werden. Das Schreiben eines langen Textes hat aber oft weniger mit dem Stricken eines Pullovers als mit dem Legen eine Puzzles gemeinsam. Der Beitrag stellt ein Programm vor, das diesen Umstand ernst nimmt.

von Jochen Plikat

Herkömmliche Textverarbeitungsprogramme funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip. Man legt ein neues Dokument an und fängt — hoffentlich! — an zu schreiben. Im Idealfall formuliert man den ersten Gedanken, dann den zweiten, dann den dritten, und so fort. Dieses lineare Vorgehen ist an das handschriftliche Schreiben angelehnt und ähnelt in gewisser Weise dem Stricken: Wort um Wort, Zeile um Zeile werden aneinandergereiht. Am Ende sieht man den Text noch einmal durch, stellt vielleicht hier und da einen Satz um, ergänzt hier etwas, streicht dort etwas weg, korrigiert ein paar Tippfehler. Schließlich druckt man den Text aus oder verschickt ihn in digitaler Form.

Bei kurzen Texten wie Briefen, Sitzungsprotokollen etc. ist dieses Vorgehen meist angemessen. Wer jemals einen längeren Artikel, eine wissenschaftliche Abschlussarbeit oder gar ein Buch geschrieben hat, weiß aber, wie wenig linear dieser Prozess in der Regel verläuft. Zwar liegt dem Leser am Ende ein wohl strukturierter Text vor, der von Anfang bis Ende gelesen werden kann. Die Entstehung verläuft jedoch meist ganz und gar nicht in dieser Reihenfolge, sondern in einem chaotischen Prozess voller Entwürfe, Rohfassungen, Überarbeitungen, Einfügungen und Streichungen, voller Brüche, Sprünge und Änderungen der Struktur. Ein solcher Entstehungsprozess ist daher weniger linear als modular. Er ähnelt nicht dem Stricken eines Pullovers, sondern vielmehr dem Legen eines Puzzles. Mit dem linearen Vorgehen, dass uns klassische Textverarbeitungsprogramme nahelegen, hat er zunächst einmal wenig gemeinsam. Wenn man ein längeres Schreibprojekt in Angriff nimmt, könnte sich also der Umstieg auf eine Software lohnen, die modulares Arbeiten unterstützt.

Eine Software, die genau dies bietet, ist Scrivener aus dem Hause Literature & Latte. Sie gilt aus diesem Grund seit Jahren als Geheimtipp unter Roman- und Drehbuchautoren. Immer öfter wird sie aber auch beim Verfassen nicht-fiktionaler Texte eingesetzt, z.B. in der Wissenschaft.

Das wichtigste Merkmal von Scrivener liegt darin, dass man nicht linear an einem immer länger werdenden Dokument arbeitet, sondern dass man von Anfang an Teildokumente — Module — anlegt, die man nach und nach zu einem Gesamtdokument ausbaut. Erst am Ende wird aus ihnen ein linearer Text zusammengestellt („kompiliert“), der in verschiedenen Formaten (.docx, .pdf, etc.) ausgegeben werden kann.

Die Arbeitsoberfläche von Scrivener ist in der Standardansicht dreigeteilt:

  1. In der linken Spalte ist der so genannte Binder zu sehen. Dort werden die Überschriften der Teildokumente angezeigt. Für wissenschaftliche Texte ist entscheidend, dass diese sich als Haupt- und Unterkapitel hierarchisch strukturieren lassen.
  2. In der Mitte ist der Bereich zu sehen, in den man seinen Text wie bei einem herkömmlichen Textverarbeitungsprogramm eingibt. Klickt man in der linken Spalte im Binder die Überschrift eines Teildokuments an, kann man an diesem arbeiten.
  3. In der rechten Spalte sind Kommentare und Fußnoten zu sehen. Sie werden immer in der Höhe der Textpassage angezeigt, auf die sie sich beziehen.

Für ablenkungsfreies Schreiben lässt sich das Teildokument, an dem man gerade arbeitet, auch im Vollbildmodus anzeigen. Dann sind nur das aktuelle Teildokument und die Spalte mit den Kommentaren und Fußnoten zu sehen. Der Rest des Bildschirms wird abgedunkelt.

Die Abfolge der Teilkapitel lässt sich gut über die Überschriften im Binder im Blick behalten. Eine weitere Funktion des Programms hilft aber noch zusätzlich beim Strukturieren des Gesamttextes. An jedes Teildokument, das man anlegt, wird automatisch eine virtuelle Karteikarte angeheftet, auf der man eine passende kurze Inhaltsangabe eingeben kann. Diese Karteikarten lassen sich in einer eigenen Übersichtsdarstellung anzeigen. Ihre Reihenfolge (mitsamt der Teildokumente, an die sie angeheftet sind) lässt sich nachträglich durch drag & drop verschieben, wie man es von der Foliensortierung in Präsentationsprogrammen kennt. Auf diese Weise kann man entweder vorab den Inhalt der Teilkapitel planen, oder man kann bei der Überarbeitung die inhaltliche Gesamtstruktur noch einmal überprüfen.

Dies sind nur die aus meiner Sicht wichtigsten Unterschiede zu herkömmlicher Textverarbeitungs-Software. Scrivener verfügt noch über viele andere nützliche Funktionen, wie z.B. einen eigenen Bereich für die Dokumentation der Recherche, die Erfassung von Tages- und Projektzielen, etc. Hierzu sind auf der Webseite von Literature & Latte zahlreiche Screenshots und Video-Tutorials (in Englisch) zu finden.

Update 22.9.2016: Scrivener ist aus meiner Sicht weiterhin eine ausgezeichnete Option für Mac- und Windows-Nutzer. Die Entwicklung der Linux-Version ist aber leider im Oktober 2015 endgültig eingestellt worden. Jetzt gibt es aber eine Alternative für Linux und Windows: Plume Creator. Das Programm ist Open Source und somit im Gegensatz zu Scrivener kostenlos. Es befindet sich noch in einem Entwicklungsstadium, ist aber schon jetzt sehr vielversprechend. Die wichtigsten Funktionen (Binder, Notizen, Wortzählung, Vollbild-Modus, Kompilation in verschiedene Formate, etc.) stehen bereits zur Verfügung und funktionieren. Das Grundprinzip ist bei Plume Creator gleich wie bei Scrivener. Daher unterstützt es modulare Schreibprozesse ebenso gut.

Mit welchem Programm schreibst Du längere Texte? Hinterlass einen Kommentar!

Bildnachweis: Puzzling by Jolene Faber on flickr.com (creative commons-Lizenz, bestimmte Rechte vorbehalten: CC BY 2.0)

 

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