Busy-ness as usual?

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von Jochen Plikat

Versetzen wir uns einmal zurück ins Jahr 1984. Es ist 10 Uhr morgens, ein Professor sitzt in seinem Büro und arbeitet am Konzept für sein nächstes Forschungsprojekt.

Plötzlich geht die Tür auf, seine Sekretärin kommt herein und legt ihm wortlos einen Brief auf den Schreibtisch. Der Professor überfliegt ihn, zögert, und lässt ihn dann einfach liegen.

Dann widmet er sich wieder seinem Forschungsprojekt.

Nach fünf Minuten geht die Tür wieder auf. Diesmal legt die Sekretärin einen kleinen Zettel auf den Schreibtisch. Der Professor liest die Nachricht, schreibt selbst etwas auf den Zettel und gibt ihn der Sekretärin wieder mit.

Dann widmet er sich wieder seinem Forschungsprojekt.

Nach weiteren fünf Minuten geht die Tür wieder auf. Die Sekretärin hält einen Telefonhörer in der Hand: Kollegin Schmidt sei dran, ob der Herr Professor am Nachmittag Zeit für eine kurze Besprechung hier in seinem Büro hätte? Der Professor schaut in seinen Terminkalender und sagt, um 16 Uhr würde es ihm passen.

Dann widmet er sich wieder seinem Forschungsprojekt.

Nach zehn Minuten geht die Tür wieder auf. Diesmal legt die Sekretärin dem Professor ein 2-seitiges Handout von Studenten hin. Der Professor überfliegt es, trägt drei Randbemerkungen ein und gibt es der Sekretärin wieder mit.

Dann widmet er sich wieder seinem Forschungsprojekt.

Nach weiteren fünf Minuten geht die Tür wieder auf. Diesmal legt die Sekretärin einen 5-seitigen Aufsatz aus einer Fachzeitschrift auf den Tisch. Am Rand steht handschriftlich: „Schau mal hier, das glaubst Du nicht, was der Müller geschrieben hat. Heute Abend um 7 auf ein Glas Wein beim Italiener an der Ecke? Gruß!“ Der Professor macht eine Notiz und gibt sie der Sekretärin mit. Neugierig geworden, liest er den Aufsatz. Nach 20 Minuten schüttelt er den Kopf und legt ihn zur Seite.

Dann widmet er sich wieder seinem Forschungsprojekt.

Nach weiteren fünf Minuten…

Den Rest überlasse ich Deiner Vorstellungskraft.

Was uns in diesem Beispiel aus dem analogen Zeitalter grotesk vorkommt, ist heute für viele, die an einem Computer mit Internetanschluss arbeiten, ganz normaler Alltag. Egal, ob man als Wissenschaftler über einem Forschungsprojekt brütet, als Student an einer Hausarbeit feilt, als Autorin an einem neuen Roman schreibt, als Journalistin den nächsten Artikel plant, als Übersetzer um die beste Formulierung ringt, als Programmiererin ein kniffliges Datenbankproblem zu lösen versucht. Im Minutentakt erhalten wir Nachrichten, die — nur ganz kurz! — unsere Aufmerksamkeit wollen.

Meist nennen wir diese Art zu arbeiten „Multitasking“. Wie inzwischen in vielen Studien belegt wurde, führt es jedoch dazu, dass die Produktivität, nun ja, in den Keller rauscht. Eine Studie, die 2007 mit Microsoft-Mitarbeitern durchgeführt wurde, ergab, dass E-Mail- und Messenger-Hinweise in der Regel Unterbrechungen bis zu 10 Minuten Länge verursachten. Das interessanteste Ergebnis war jedoch, dass sie danach noch einmal 10-15 Minuten brauchten, um zu ihrer ursprünglichen Tätigkeit zurückzukehren, und in dieser Zeit oft zwischen mehreren anderen Anwendungen wechselten. Und bei mehr als einem Viertel der Unterbrechungen dauerte es über zwei Stunden, bis sie sich wieder ihrer ursprünglichen Aufgabe widmeten!

We performed a field study of the computing activities of 27 users over a two-week period, exploring the suspension, recovery, and resumption of tasks in participants’ natural work settings. We found that participants spent on average nearly 10 minutes on switches caused by alerts, and spent on average another 10 to 15 minutes (depending on the type of interruption) before returning to focused activity on the disrupted task. We discovered that, following an alert-based suspension, subjects would often visit several applications in addition to the notifying application. We found that 27% of task suspensions resulted in more than two hours of time until resumption.*

Mit anderen Worten: Multitasking heißt oft nichts anderes, als dass wir einen Großteil unserer Arbeitszeit damit verbringen, auf Unterbrechungen zu reagieren. Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist hoch: Projekte, an denen wir eigentlich arbeiten wollen, bleiben liegen, weil wir so beschäftigt sind.

Im Englischen gibt es für diesen Zustand den schönen Ausdruck busy-ness. Für mich ist er das genaue Gegenteil von Flow.

Busy-ness oder Flow — was dominiert Deinen Alltag? Hinterlass einen Kommentar!

* Quelle: Iqbal, Shamsi T./Horvitz, Eric (2007): Disruption and Recovery of Computing Tasks: Field Study, Analysis, and Directions.

Bildnachweis: P1000054 by Transformer18 on flickr.com (creative commons-Lizenz, bestimmte Rechte vorbehalten: CC BY 2.0)

 

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